Kalachakra Tib. "bDe-mchog"
 
 
Kâlachakra
Der große Meister Cilupâpa aus Orissa soll im Jahre 966 die Lehren des Kâlachakra-Tantra aus dem Reich Shambala nach Indien zurückgebracht haben. Schon 60 Jahre später fand dieses umfangreiche Lehrsystem den Weg nach Tibet. 

Die Gottheit Kâlachakra hat vier Gesichter und 24 Arme. In intimer Vereinigung tanzt er mit seiner Gefährtin, der achtarmigen weiblichen Gottheit Vishvamata [Zeitmaschine und Mutter aller Buddhas]. Kâlachakra wird stets in dieser Verbindung dargestellt. Wie der Name bereits anzeigt, handelt es sich um eine Zeitmaschine: das sanskritische chakra wird in seiner Bedeutung "Rad" auf "Maschine" erweitert. Jedoch soll Maschine nicht als Zeitreise-Fahrzeug verstanden werden; vielmehr ist es hier im besonderen Sinn einer kunstvollen Schöpfung zu sehen, durch welche allumfassendes Mitgefühl die Zeit in eine Maschine umwandelt, um Erleuchtung für alle fühlenden Wesen zu bewirken. 

Kâlachakra hat die Winde gebändigt, ihm ist es damit gelungen zu verhindern, daß das weiße, männliche Bodhicitta [Erklärung s.u.] das rote, weibliche Bodhicitta den Körper verlassen. So kann er den Zustand der Höchsten Wonne bewahren. Die Beine Kâlachakras weisen auf diese Fähigkeit der Gottheit hin: Das rechte, rote Bein ist ausgestreckt, das Hinunterfließen des roten Bodhicitta andeutend, während das linke, weiße Bein angewinkelt ist und das Emporsteigen des weißen Bodhicitta darstellt. Kâlachakra steht mit jedem Fuß auf einer Gottheit: Symbol dafür, daß er - als formgewordene Buddhaschaft - die karmischen Winde im rechten und linken Kanal kontrolliert und sie in den zentralen Kanal leitet. Diesen Windkanal symbolisiert der Körper der Gottheit, dessen blaue Farbe für tiefe Weisheit steht. Außerdem stehen die hinduistischen Gottheiten unten den Füßen Kâlachakras für die durch ihn überwundenen negativen Eigenschaften Begierde und Haß. 

Die drei Hälse Kâlachakras in den Farben Schwarz [Mitte], Rot [rechts] und Weiß [links] symbolisieren die drei wichtigsten Kanäle im Menschen sowie die drei Gruppen von je vier Zeitperioden bzw. vier Atemwechseln, dargestellt durch die vier Gesichter der Gottheit.  

Die sechs Schlüsselbeine entsprechen - im äußeren Rad der Zeit - den sechs Jahreszeiten [Frühjahr, heiße Saison, Regenzeit, Herbst [Erntezeit], früher Winter und später Winter [Zeit des Tauwetters]] sowie den sechs Perioden des Tages und der Nacht. 

Die zwölf Schultern [auf der linken und rechten Seite je sechs] symbolisieren die zwei mal sechs Atemwechsel; die 24 Arme die schwarzen bzw. weißen Phasen in einem Jahr [zwölf zunehmende und zwölf abnehmende Mondphasen] und die 24 Halbperioden des Atems.
Analog zu den 360 Tagen eines Jahres und - innerlich - analog zu den je 60 Atemzügen zählenden 360 Perioden eines Tages sowie den 360 Knochen und Gelenken besitzt Kâlachakra an seinen 24 Händen 360 Fingerglieder und Fingergelenke [drei an jedem der fünf Finger der 24 Hände]. Sogar die Farben der einzelnen Finger besitzen tiefere Bedeutung: So entspricht die gelbe Außenseite des Daumens dem Element Erde, das Weiß des Zeigefingers dem Wasser, das Rot des Mittelfingers dem Feuer, das Schwarz des Ringfingers dem Wind und das Grün des kleinen Fingers dem Raum, während die Farbe der Innenseite der einzelnen Fingerglieder die Dreiheit Geist [schwarz], Sprache [rot] und Körper [weiß] symbolisiert.

Attribute der vierundzwanzig Hände Kalachackras 


Vajra
Abgeschlagener Kopf
Schwert
Rosenkranz
Dreizack [Trisula]
Spiegel
Hackmesser [Kattrka]
Muschel
Pfeile [sara]
Lotosblüte
Vajraaxt
Wunschjuwel
Sanduhrtrommel [damaru]
Fangschlinge
Vajrahammer
Kampfbogen
Rad der Lehre
Schädelschale
Tantrischer Stab
Tantrischer Stab [khatvanga] 
?
Schutzschild
?
Ghanta
. 
Attribute der acht Hände Vishvamatas 
Wunschjuwel
kein Attribut [Umarmung Kâlachakras]
Lotosblüte
Vajraaxt
Fangschlinge
Sanduhrtrommel
kein Attribut [Umarmung Kâlachakras]
Rosenkranz
..
Das Kâlachakra-Tantra 
Kâlachakra [Sanskrit für "Rad der Zeit"] stellt ein wichtiges Mutter - Tantra der Höchsten Yoga Tantra-Klasse dar. Es ist einzigartig unter den Tantras, weil es eine komplizierte Kosmologie enthält, einschließlich einer apokalyptischen Geschichtstheorie, die auf einen großen Krieg am Ende der Geschichte verweist und mit einem Triumph Shambhalas, eines verborgenen Landes von Bodhisattvas, endet. 

Kâlachakra ist das letzte und komplexeste buddhistische Tantra [10. Jh.], dessen Niederschrift auf den mythischen König Suchandra von Shambhala zurückgehen soll. In der Kâlachakra-Lehre spielen Zeitrechnung und Astronomie eine große Rolle, und die Einführung des Kâlachakra-Tantra in Tibet [1027 n. Chr.] gilt als Grundlage des tibetischen Kalenders. Eine Besonderheit des Meditationssystems des Kâlachakra-Tantra ist der Ausbau der Lehre von einem Adi-Buddha [Ur-Buddha], der die Zahl der fünf Buddha-Familien auf sechs erhöht. Das "Zehnfache machtvolle Mantra" symbolisiert die Lehre des Kâlachakra. 

Nach der tibetischen Tradition wird das Kâlachakra-Tantra durch sieben Könige von Shambhala und 25 autorisierte "Verkünder" überliefert. Zur Zeit des 12. Verkünders erreichte die Lehre Indien und bald darauf Tibet. Eine der wichtigsten Übertragungslinien verlief über den Gelehrten Butön [ 1290-1364] zu Tsongkhapa, und noch heute wird das Kâlachakra-Tantra in der Schule der Gelugpas praktiziert. 

Das Tantra selbst besteht aus drei Teilen: dem "Äußeren", dem "Inneren" und dem "Anderen". Der Äußere Teil hat die physische Welt zum Gegenstand, er beschreibt die Entstehung des Universums und entwickelt eine Geographie und Astronomie. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Zeitrechnung und der dazu notwendigen Mathematik. Im Gegensatz dazu beschreibt der Innere Teil den Aufbau der psychischen Welt wie etwa die Funktion der Nadis, und der "Andere" Teil ist den im Sadhana visualisierten Gottheiten gewidmet. Alle drei Teile gelten als verschiedene Aspekte des Prinzips des Adi-Buddha [Samantabhadra]. 

Das Kâlachakra-Tantra weist ferner eine Abfolge von sechs Meditationsübungen auf, die zwar ihrer Anzahl nach den Naro Chödrug entsprechen und auch von Naropa kommentiert wurden, aber mit diesen nur die Technik des Tumo ["Innere Hitze"] gemeinsam haben.

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