D a s --M
a n d a l a
Ein
Mandala ist auf den ersten Blick leicht zu erkennen, denn es handelt sich
um die Darstellung eines Kreises, der fast das gesamte Rollbild ausfüllt.
Ein Thangka mit einer "Mandala"-Darstellung (Sanskrit für "Kreis",
tibetisch: "dKyil 'khor" dient ausschließlich der Meditation. D.h.
das Bild dient als Vorlage für eine bestimmte Visualisierung, die
in der Meditation realisiert werden soll. Die Grundform eines Mandalas
besteht aus einem in vier gleichschenkeligen Dreiecken unterteilten Quadrat
und mehreren es umschließenden konzentrischen Kreisen.
Der Meditierende
versucht während seiner Meditation zur Mitte des Mandalas vorzustoßen,
um sich mit der im Zentrum dargestellten Gottheit im Geiste zu vereinen.
Je weiter er sich dabei dem Zentrum des Mandalas nähert, desto
schwieriger wird für ihn das weitere Vordringen.
Der Aufbau
eines Mandalas unterliegt strengen geometrische Regeln, die in erster
Linie aus einem Zusammenspiel verschiedener Kreissegmente und Quadrate
bestehen. Ein Mandala ist gleichzeitig die zweidimensionale Darstellung
des buddhistischen Weltbildes, das dreidimensional in den Stupas (Sanskrit)
oder Tschörten (Tibetisch) bzw. Dagobas (Sri Lanka) im Himalaya
und Sri Lanka seine Entsprechung findet. Sehr bekannt ist auch die riesige
Anlage von Borubodur in Zentraljava in der Nähe Yogjakartas/Indonesien,
die aus der Vogelperspektive große Aehnlichkeit mit den Meditationsmandalas
besitzt.
Die Meditation
eines Mandalas beginnt damit, daß sich der Meditierende die Leerheit
(sunyata) aller Erscheinungen vergegenwärtigt. Der mit Hilfe eines
solchen Mandalas Meditierende läßt sodann das Mandala vor
seinem inneren Auge entstehen, um dann die verschiedenen Gottheiten
der Reihe nach zu visualisieren. Danach bittet er die herbeigerufenen
Gottheiten, ihren Platz im Mandala und um das Mandala herum einzunehmen.
Danach kann er beginnen, von außen nach innen fortschreitend,
sich der Mitte des Mandalas zu nähern, das von drei bis vier Kreisen
umschlossen wird. Das meditative Vordringen in das Zentrum des Mandalas
ist vergleichbar mit einer friedvollen Eroberung einer Festung oder
eines Palastes, bei der dem Menschen zahlreiche Hindernisse in den Weg
gelegt sind.
Der äußere
Ring eines Mandalas besteht meist aus einem Flammenwall,
(Feuersegment) der bereits das erste Hindernis auf dem Weg zur
Mitte darstellt. Der Feuerkreis ist ein Symbol der geistigen Reinigung
des Meditierenden. Der Licht- und Feuerkranz kann auch als ein gewaltiger,
in den kosmischen Farben leuchtender Berg angesehen werden. Sein strahlendes
Licht vertreibt alle Dunkelheit und weist den Weg zur jenseitigen Weisheit.
Die evtl. noch vorhandene Unwissenheit eines Meditierenden verbrennt
beim Durchschreiten dieser ersten Barriere.
Es folgt
ein Kreis, in dem man deutlich kleine Donnerkeile,
(Vajrasegment) auch Diamantzepter genannt, (Sanskrit: "Vajra",
tibetisch: "Dorjee") erkennt, das Symbol des männlichen Prinzips
im tibetischen Buddhismus). Man muß sich dieses Segment als dunkle
von goldenen Vajras bekrönte Mauer oder als Zaun mit einer Kette
von Vajras vorstellen, die die letzte Grenze zur äußeren
Welt darstellt. Der Vajra symbolisiert die unzerstörbare Diamantnatur
des reinen kosmische Bewußtseins, das als Ziel zu erreichen gilt.
Die Diamantzepter stehen hier für das Erlangen von Erkenntnis und
geistiger Klarheit. Hinter diesem Zaun ist der Meditierende gleichzeitig
vor Gefahren geschützt.
Nur bei
Mandalas mit zornvollen Gottheiten im Zentrum (nicht in der oben
abgebildeten Grafik) findet man ein sog. Leichenacker-Segment.
Es besteht aus acht fortlaufenden Feldern mit Darstellungen von Leichenplätzen,
wilden Tieren, Stupas und Yogis, Bäume, Wasserquellen, Wolken,
Feuer und Leichnamen sowie den acht reitenden, den Erdkreis beschützenden
Gottheiten. Diese ausführliche Darstellung der Leichenplätze
als Tummelplatz von Geistern verschiedener Art und von gefährlichen,
fleischfressenden Tieren soll dem Meditierenden diese abseits gelegenen
Orte des Grauens nicht nur realistisch vor Augen führen, um ihn
zur Überwindung von Angst und zu innerem Gleichmut führen,
sondern er soll in diesen Leichenstätten ein Spiegelbild irdischen
Daseins schlechthin erblicken, wie die tantrischen Yogis, die dort meditieren,
um Befreiung zu erlangen.
An die
trügerische Welt ist der Mensch durch acht verschiedene Formen
des Bewußtseins gebunden, die zu überwinden sind. Diese acht
Bewußtseinsformen sind symbolisiert durch die oebn beschriebenen
acht Leichenäcker. Dies alles ist ein Hinweis auf die acht
großen Leichenplätze, die jeder Yogi in Indien aufsuchte,
um über die Vergänglichkeit des Irdischen zu meditieren. Die
tiefere Symbolik dieser acht Felder bezieht sich jedoch auf die vollkommene
Befreiung von der Sinneswelt, die den Menschen an den leidvollen Kreislauf
der Wiedergeburten bindet, und letztlich auf die Umwandlung der acht
Arten des natürlichen Bewußtseins in ein höheres Bewußtsein.
Als nächstes
muß der Meditierende einen Graben mit Lotosblüten
(Lotossegment, ein innerster Kreis von Lotosblütenblättern)
überqueren, der die nach der Überwindung der vorherigen
Hindernisse erreichte höhere Erkenntnisstufe und die sittliche
Reinheit und das sich dadurch langsam entfaltende neue Bewußtsein
- Voraussetzung für den geistigen Fortschritt - symbolisiert.
Hat er
den Lotosblütengraben überquert, hat der Meditierende eine
Verwandlung bewirkende Prüfung bestanden. Er befindet er sich jetzt
im parkartigen Vorhof des Palastes. Das Vorfeld des Palastes verfügt
über vier Tore (= vier Himmelsrichtungen).
Die Tore sind als Enden von zwei der bereits erwähnten sich kreuzenden
Diamantzeptern dargestellt, die das Fundament des Mandalapalastes bilden.
Zwei sog. Makaras
bilden mit ihren Köpfen die beiden Speichen des Mandalatores. Sie
wölben sich dabei über die verzierten, vielschichtigen Tordächer
und wirken dadurch jeweils zu viert wie riesige Vajras. Ein Makara ist
ein obskures Mischwesen oder Seeungeheuer, das sich aus Fisch (Delphin),
See-Elefant und Krokodil zusammensetzt. Es hat eine schuppige Haut;
einen roten Unterbauch und einen filigranen Schwanz.
Nach den
Torhütern können häufig weitere Schutzkreise aus Flammen,
Diamantzeptern und Lotosblütenblättern folgen. Es können
auch schon erste Gottheiten erscheinen, die entweder andere Darstellungsformen
(Manifestationen) der Zentralgottheit oder deren Begleiter sind. Auf
dem Dach des Palastes stehen, ähnlich wie auf den Klosterdächern
in Tibet, Siegesbanner, Glückssymbole und Juwelenbäume in
goldenen Vasen, ein Zeichen dafür, daß der Meditierende nun
in den inneren Tempelbereich eintritt.
Auf dem
Vorfeld des Palastes begegnet der Meditierende Siddhas und Yogis, Dakinis
und Arhats, denen der Anblick des Allerheiligsten vergönnt ist,
weil sie auf dem Pfad der Erleuchtung wandeln. Indem er sich zu Ihnen
gesellt, wird er aufgefordert, sittliche Vollkommenheit und tantrische
Erleuchtung zu erlangen. Hat er beides erreicht, so öffnet sich
ihm dasjenige Tor des Palastes, das ihm von seinem Lehrer durch die
erlangte Einweihung zugewiesen ist und gelangt in den inneren Mandalaraum,
in die Cella des Tempels, wo die Zentralgottheit thront. Ist das Zentrum
des Mandalas erreicht, dann hat sich er sich aller äußeren
Eindrücke entledigt, sein Bewußtsein ist ausschließlich
auf die Zentralgottheit fixiert, mit der er sich in der Meditation vereinigt.
Im
Gegensatz zu westlicher Überlieferung stehen die vier Himmelsrichtungen
im Mandala in anderer Reihenfolge:
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Himmelsrichtung
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Symbolfarbe
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Oben - Westen
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Rot
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Rechts - Norden
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Grün
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Unten - Osten
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Weiß
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Links - Süden
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Gelb
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