|
Liebe Freunde,,
während der Monsunzeit verweilen die Nepalesen ganz besonders gern
in ihrer angeborenen Passivitä.t. Es ist heiß und feucht.
Das Wasser der von Fäkalien und Abfällen verseuchten Flüsse
vermischt sich mit dem Grundwasser, und viele Menschen werden von Typhus
und anderen Krankheiten betroffen. Man lebt langsam und sorglos vor
sich hin, man klagt nicht und akzeptiert jeden Tag, wie er kommt. Immer
mehr Kinder werden trotz der zahlreichen Familienplanungsprogramme geboren.
Politisch gesehen, geschieht weiterhin nichts. Die zerstrittenen Parteien
weigern sich, den Maoisten, die immerhin die größte Partei
des Landes bilden, mindestens einen Teil der Macht zu überlassen.
Das Volk lassen diese Intrigen und Machtspiele inzwischen völlig
kalt. Auch was in der übrigen Welt geschieht, interessiert die
Nepalesen nicht; die meisten wissen ohnehin nichts davon. Ganz besonders
das Kathmandutal ist für sie die einzige Welt, die überhaupt
existiert. Nur das, was sie heute essen werden, beschäftigt die
Menschen, und alles andere ist in ihrem Kopf nicht vorhanden. Auch wir
brauchen im Sommer doppelt soviel Energie, um 'unsere Hilfsarbeit durchzusetzen.
Die neue elektrische Verkabelung mit der Einrichtung von Eisenmasten
im Banshigatslum hätte schon im Mai fertig sein sollen. Diese Arbeiten
wurden aber erst im Juli durch unsere wiederholten Bitten zu Ende geführt.
Dabei geht es doch um die Sicherheit der Kinder und aller Menschen der
Siedlung, und Kinderhilfe Nepal zahlt ja die Kosten dafür! Wir
können immer wieder feststellen, dass drei Besuche im Jahr in Kathmandu
wirklich nicht zuviel sind, um dort eine ernsthafte Arbeit zu leisten.
Unsere Freunde im Slum brauchen unser wiederholtes Drängen und
unsere Energie. Die Ideen und die Vorstellung von Verbesserungen in
den Slumgemeinschaften verursachen immer eine anfängliche Begeisterung,
die jedoch nach kurzer Zeit nachlässt und bald gänzlich verebben
würde, wenn Sija, die für die Projekte verantwortlich ist,
nicht in Kathmandu anwesend wäre und ständig mit Deutschland
in Verbindung sein würde. Sie beklagt sich oft, dass die Slumbewohner
nur dann richtig aufwachen, wenn der "weiße" Besuch
aus Deutschland wieder einmal angesagt wird, denn sie wollen auf keinen
Fall auf unsere Unterstützung verzichten. Durch den in Zukunft
regelmäßigen Beitrag einer engagierten Spenderinkonnten wir
unser Ernährungsprogramm für Kinder zwischen sechs Monaten
und fünf Jahren auf einen neuen Slum ausweiten. Wie in den drei
anderen Slumgebieten brachte Djyanti aus Banshigat Debika und Jenika
im Slum von Samankhul bei, wie man den wertvollen täglichen Brei
zubereitet.
Die an allen nötigen Vitaminen und Mineralien reiche Kost erhalten
inzwischen in Kathmandu 600 Kleinkinder von der Kinderhilfe Nepal, und
die wenigen alten Menschen, die noch am Leben sind, bekommen auch eine
Schüssel davon. Bisher kam Shiva Narayan (s. Photo) jeden Morgen
zum Kindergarten von Banshigat, um eine Portion Brei für seine
geliebte, seit 20 Jahren völlig gelähmte Frau Bhatta Kumari
zu holen. Shiva Narayan pflegte seine Frau, 86, all die Jahre allein
und wird von den Slumfrauen besonders geehrt, weil sie einen solchen
Liebesbeweis eines Mannes gegenüber seiner Ehefrau noch nie erlebt
haben, sagen sie. Bhatta Kumari starb einige Tage nach der Aufnahme
dieses Photos, und Shiva Narayan war untröstlich. Sija fährt
mit ihrem Verbands- und Medikamentenkoffer jeden Tag von Slum zu Slum
und betreut Kinder und Mütter medizinisch. Sie muss meistens eitrige
Wunden desinfizieren und sie mit Antibiotika behandeln. Wir haben eine
Versammlung mit den Müttern organisiert, um allen klar zu machen,
wie wichtig es ist, eine klaffende Wunde in den ersten Stunden nach
einem Unfall zu nähen. Und wir haben die Gemeinschaft gebeten,
sich im Notfall solidarisch zu zeigen und sofort Geld zu sammeln, damit
der Verletzte zum Arzt gebracht wird, wenn Sija nicht in der Nähe
ist und die Wunde nicht selbst nähen kann. Kosten für diese
medizinischen Eingriffe werden dann von uns an diejenigen zurückerstattet,
die das Geld vorgelegt haben.
Die in der Monsunzeit besonders übel riechenden Slums haben uns
auch dazu gebracht, die Kinder und ihre Eltern auf die gesundheitlichen
Gefahren hinzuweisen, die eine von Abfällen und Exkrementen gefüllte
Siedlung mit sich bringt. Zuerst wollten wir den gesammelten Abfall
sortieren und abholen lassen. Dies hätte aber Geld gekostet und
kam für die Leute nicht in Frage. Es gab heftige Diskussionen mit
den Frauen, die nicht verstehen wollten, warum sie den Abfall nicht
in den Fluss entsorgen durften, wenn ganz Kathmandu es ohnehin tut.
Sie waren wenigstens bereit, die Siedlung zu reinigen. Wir mussten einsehen,
dass wir ganz klein anfangen sollten. Die nepalesischen Flussufer sind
tatsächlich die einzigen Mülldeponien des Landes, und, wenn
wir es schaffen, dass "unsere" Slums wenigstens gesäubert
werden, ist es schon ein enormer Fortschritt. Danach werden wir ja sehen,
wie es weitergehen kann. Wir haben Handschuhe, Masken, Eimer, Besen,
Schaufeln, Desinfektionsmittel etc... gekauft, und jeden Samstag wird
der Slum von Banshigat unter der Leitung von Bina, der Frauenkomiteeleiterin,
gereinigt. Sie selbst verkündete, dass in Zukunft kein Abfall auf
die Wege des Slums geworfen werden dürfte, sondern dahin gebracht
werden sollte, wohin er gehört: in den Fluss! Ein Lernprozess hat
trotzdem begonnen, und Bina erklärte scherzend, dass die Siedlung
"spätestens" beim nächsten Besuch aus Deutschland
ganz bestimmt frei von jedem Abfall sein würde!
Es ist oft nicht möglich, unsere westlichen Wertvorstellungen in
einem Land wie Nepal durchzusetzen. Es ist manchmal sehr frustrierend,
aber bei unserer Arbeit dürfen wir nicht vergessen, dass auch bei
uns trotz besseren Wissens noch vieles im Argen liegt... Ihnen allen,
die unsere Arbeit in Nepal möglich machen, herzlichen Dank und
alles Gute bis Dezember mit Neuigkeiten aus Kathmandu und Ihren Spendenquittungen!
Herzliche Grüße
Elisabeth Montet
|